Brunnen - soziale Plattformen in alten Zeiten

Bild : In der Höhe verstellbare Waschbank genannt „Bauncha“ in Celerina, Bildnachweis: Gustav Sommer, Kulturarchiv Samedan

Unter dem Titel „Wasser - Elementares, Brunnen einst Soziales“ lud die ehemalige Leiterin der Dokumentationsbibliothek in St. Moritz, Corina Huber, am 27. Oktober mit einem Diavortrag zu einem historischen Rundgang durch St. Moritz ein. Rund ein Dutzend Interessierte lauschte in der reformierten Dorfkirche St. Moritz den Ausführungen zu alten Brunnen im Ort.

 

 

Ein Quiz am Ende des Vortrages führte gnadenlos die marginale Bedeutung der Brunnen im Alltag heute vor Augen: Selbst Einheimische konnten nicht alle Standorte identifizieren, an denen auch heute noch Brunnen stehen. An heissen Sommertagen lädt ihr leises Plätschern ein, sich an ihrem Wasser zu laben, ansonsten aber dienen sie einzig der Zierde.  

Früher war das anders: Der Dorfbrunnen versorgte alle mit Wasser, an ihm wurde das Vieh getränkt, die Wäsche gewaschen und mit seinem Wasser Brände gelöscht. Der Dorfbrunnen war somit ein Hotspot des sozialen Lebens oder wie Corina Huber verschmitzt anmerkte "die soziale Plattform": Neuigkeiten wurden ausgetauscht und von hier aus im Dorf verbreitet.  

Der Zugang zum Brunnen war bis ins Detail geregelt. Das Waschen war es nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten erlaubt: Die "Bauncha", eine überdachte Waschbank in Celerina, ist bis heute erhalten. Ein- bis zweimal im Jahr fand die "grosse Wäsche" statt: In einem Kupferkessel wurde eine Lauge aus Holzasche erhitzt und über die in einem Holzzuber eingelegte Wäsche geschüttet. Bis zu sechsmal wurde dieser Vorgang wiederholt, bevor die Wäsche von den Frauen im kalten Wasser ausgespült und anschliessend zum Trocknen aufgehängt oder zum Bleichen auf einer Wiese ausgelegt wurde. Die Arbeit war enorm kräfte- und zeitraubend. Nicht umsonst wird die Erfindung der Waschmaschine als eine der grössten Errungenschaften der Technik gepriesen, hat sie doch den Alltag entscheidend erleichtert.

Mit dem aufkommenden Tourismus gewannen Brunnen zusätzlich an Bedeutung. Nicht nur was den Zweck, sondern auch ihr Erscheinungsbild anbelangt. Ein besonders schönes Exemplar stand vor dem Hotel Kurhaus in St. Moritz-Bad, dem heutigen "Kempenski": Damals aus Gusseisen erstrahlt es heute in weissem Marmor.

Vor dem Kulm Hotel findet sich im Dorf bis heute ein Brunnen mit Bär. Er wurde 1909 im Gedenken an einen auf dem Cresta Run tödlich verunfallten Grafen erstellt.  

Ein eigenwilliger Brunnen ziert die Plazza Mauritius: ein zwölfeckiges Becken wird von drei Wasser speienden Steinböcken gesäumt. Darüber erhebt sich die stämmige Figur des heiligen Mauritius mit Schild und Fahne. Dieser Brunnen wurde 1910 im Andenken an die Baronin Goldschmidt - von Rothschild geschaffen, die sich mit einem Alters- und Invalidenfond für Gemeindeangestellte verdient gemacht hatte.  

Im 19. Jahrhundert war das Engadin weitgehend reformiert. Erst 1867 erhielten katholische Gläubige mit der Mauritiuskirche in St. Moritz-Dorf eine eigene Kirche. Auf Initiative des katholischen Geistlichen wurde 1880 unterhalb der Kirche die "Fontana Ristori" gebaut, an der sich die Gläubigen nach der Messe erlaben konnten. Dieser Brunnen ist nach einer italienischen Sängerin benannt, die mit einem Wohltätigkeitskonzert die finanziellen Mittel dafür auftrieb. Heute steht er beim Restaurant Roseggletscher im Val Roseg.  

Da der Wasserbedarf unaufhaltsam stieg, wurden 1904 auf der Alp Giop und Alp Nova weitere Quellen erschlossen. 1991 wurde die Quelle "Chaunt Blais" gar an Private verkauft. Ein Fehler, der heute zum Glück kaum mehr passieren dürfte.  

Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Brunnen zentral für die Brandbekämpfung: Mit Ledereimern, Feuerhaken und Wasserrohrspritzen, die von Pferden gezogen wurden, stellten die Feuerwehrleute sich den Flammen entgegen. Immer wieder suchten verheerende Brände das Engadin heim. So wurden 1869 Lavin und nur drei Jahre später Zernez ein Opfer der Flammen. 1891 erfand der Monteur Ernst Geist aus Samedan einen Brunnenstock, der gleichzeitig als Hydrant diente und legte damit den Grundstock für eine moderne Brandbekämpfung. Um die Wende zum 20. Jahrhundert begannen die Gemeinden im Oberengadin mit dem Bau von kommunalen Wasserleitungen.  

Seit jeder Haushalt mit Wasser versorgt wird, haben die Brunnen ihre Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt in den Dörfern verloren, ihr Plätschern erzählt aber nach wie vor von verborgenen Geschichten.  

Im Kulturarchiv in Samedan finden sich interessante historische Quellen zum Thema.  

 

Ester Mottini