Vielfalt in der Einheit

Refurmo OBERENGADIN ist aus dem Zusammenschluss der reformierten Kirchgemeinden der Region hervorgegangen. Auch wenn daraus eine Einheit entstanden ist, heisst das nicht, dass die Vielfalt darin verloren gegangen ist. Im Leitbild ist dazu festgehalten: “Wir nehmen alle unsere lokalen Eigenheiten im Oberengadin wahr und arbeiten mit diesem Reichtum“. Mit seiner Schrift zur Reformation in den verschiedenen Gemeinden im Oberengadin legt Jon Manatschal, der ehemalige Kirchgemeindepräsident von Samedan, Zeugnis dieser Vielfalt ab.

Unter der Herrschaft des Bischofs von Chur

Im 12. Jahrhundert gehörte das Oberengadin zum Herrschaftsgebiet des Bischofs von Chur. In Zuoz residierte der weltliche Vertreter des Bistums, mit San Peter in Samedan und St. Mauritius in St. Moritz standen zwei weitere Hauptkirchen in der Region. Ihnen waren alle übrigen Gemeinden zu Abgaben verpflichtet. Das kulturell und wirtschaftlich florierende Leben in der Renaissance mit Künstlern wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo Buonarotti strahlte wahrscheinlich bis in die Bergtälern der Alpen hinein, allmählich emanzipierten sich jedenfalls die Kirchgemeinden von der geistlichen Obrigkeit in Chur. Angestossen von Martin Luther bildete sich mit Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf eine besondere Form des reformierten Glaubens heraus. In Graubünden war Johannes Comander (1484-1557) als Reformator prägend.

Die „Ilanzer Artikel“ von 1524 und 1526 stärkten die Autonomie der Gemeinden, reduzierten Zehntenabgaben und Frondienste der Bevölkerung für den Bischof. Das Oberengadin schien allerdings - wie Johannes Comander 1529 in einem Brief an Joachim Vadian, dem Reformator in St. Gallen, klagte, von den seinen Magnaten derart abgeschirmt, dass „(…) kein einziger Lichtstrahl des neu entdeckten Evangeliums durchzudringen vermöge“.

Rund zehn Jahre später gelang es Philipp Gallicius (1504-1566) aus dem Münstertal endlich, dem reformierten Glauben auch im Engadin zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Gemeinden im Oberengadin werden refomiert

In Samedan war dafür der Einheimische Jachiam Tütschett Bifrun (1506-1572) besonders wichtig, hatte er doch das Neue Testament der Bibel ins Romanische übersetzt. Das kleine Büchlein „Taefla“ enthielt ausserdem Gebete wie das „Unser Vater“ in romanischer Sprache und ermöglichte so den Kindern, Lesen und Schreiben zu lernen. Dem Glaubensflüchtling aus Italien, Pietro Paolo Vergerio (1498-1565), gelang es 1551 schliesslich, unterstützt von Jachiam Bifrun und der Adelsfamilie von Salis-Soglio, die Gemeinde Samedan vom reformierten Glauben zu überzeugen.

Nicht überall verlief der Übergang so reibungslos wie in Samedan, so entbrannte beispielsweise in Chamues-ch ein Streit um kostbare Gemälde in der Kirche San Andrea. Die Anhänger des neuen Glaubens trugen schliesslich den Sieg davon und die wertvollen Kunstwerke wurden verbrannt.

Die Heiligen von Pontresina

In der Darstellung „Ils surnoms da noss cumüns“ also „Die Spottnamen unserer Dörfer“ beschreibt Jacques Guidon, wie die Bewohner von Pontresina mit ihren Heiligen verfuhren: Die Statuen aus der Kapelle San Spiert wurden 1550 kurzerhand in den Flaz geworfen (Zit. S. 63): „Quista cò vainsa fatta bella!“ (…) rief einer, andere freuten sich darüber, wie gut der Heilige Petrus und gar die Mutter Gottes schwimmen konnten: „Segner, quicò nu vessi mê cret! Guardè, guardè cu cha`l sench Peider (…) so nuder! Hostia!» „ Epür la madonna, quella eir, e cu!“ Mit einem Segen glitten die Statuen im Fluss von dannen: „Vus ans vais lönch servieu, uossa dimena b’hieti Gott!“ - zu deutsch: „Ihr seid uns lange von grossem Nutzen gewesen, jetzt aber b’hieti Gott!“ Die Pontresinerinnen und Pontresiner tragen seither den Übernamen „ils pietigots“.

Die Schlarignots, also die Bewohner von Celerina wiederum erkannten ihre Chance und fischten die Heiligen aus dem Wasser, als sie bei ihnen vorbeischwammen. Als die Reformation 1577 auch in Celerina Einzug hielt, verkauften sie ihre eigenen Statuen zusammen mit denjenigen der „pietigots“ aus Pontresina ins katholische Livigno. Eine von ihnen, der heilige Antonius, steht noch heute dort.

Der Mesmer von St. Moritz

Mit St. Moritz trat 1577 die letzte Gemeinde im Oberengadin zum reformierten Glauben über. Wie es dazu kam, ist in einer höchst amüsanten Darstellung von Silvio Margadant zur Geschichte der evangelischen Kirchen von St. Moritz dargestellt und erklärt die besondere Stellung, die dem Mesmer bzw. der Mesmerin in St. Moritz seither zukommt:
Der Priester von Celerina las auch in St. Moritz die Messe. Als dieser im März 1577 verstarb, standen beide Orte vor der Wahl, sich dem neuen reformierten Glauben hinzuwenden oder weiter beim alten katholischen Glauben zu bleiben. Die Schlarinots waren entschlossen, zum neuen Glauben überzutreten. St. Moritz zögerte: Als Wallfahrtsort war St. Moritz auf Gäste aus Italien angewiesen, zudem hatte der Papst dem Ort 1517 Ablass gewährt. Das waren handfeste Gründe, beim katholischen Glauben zu bleiben. Die Gemeinde fragte deshalb Joannes Flugi an, einen Bürger von St. Moritz, der in Obervaz als Priester waltete. Zit. Margadant S. 14. „Flugi hatte im Ort bekanntmachen lassen, dass er am Mittwoch, den 15. Mai (1577), Messe halten werde. Männer und Frauen in erstaunlicher Zahl erschienen zur festgesetzten Stunde in der St. Mauritiuskirche. Als der Priester die Messe beginnen wollte, zeigte es sich, dass der Messmer vergessen hatte, die Sakristei zu öffnen. Man eilte zu ihm, um den Schlüssel zu holen. Der Gesuchte sass jedoch, von einigen Anhängern der neuen Lehre dazu veranlasst, bereits im Wirtshaus, verdrehte die Augen und schien übelster Laune, so dass niemand wagte, ihn anzusprechen, und man unverrichteter Dinge in die Kirche zurückkehrte. Voller Erbitterung hielt nun der Priester eine kurze Predigt und verliess noch am selben Tage das Dorf. (…) Nun beriefen die Katholischgesinnten einen italienischen Geistlichen aus Bivio (…). Das Spiel mit dem fehlenden Sakristeischlüssel wiederholte sich jedoch. Zudem hatte der Gastwirt (…) den Fremden ermuntert, vor der Messe eine Kleinigkeit zu essen da dies in St. Moritz der Brauch sei. Als bekannt wurde, dass Ser Daniele die Messe nicht in nüchternem Zustand gefeiert hatte, begann sich Unwillen gegen ihn zu regen.“ Nach einer Strafandrohung verliess der Geistliche das Dorf fluchtartig. „Anschliessend kam es zu einem Tumult, in dessen Verlauf einer der führenden Reformierten die Katholiken sogar mit dem gezückten Schwert bedrohte." Am Ende einigte sich Celerina und St. Moritz auf einen gemeinsamen reformierten Pfarrer.

Eine ausführliche Monographie zur Reformation bis zum Zusammenschluss der Kirchgemeinden zur Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Oberengadin von Jon Manatschal ist in Bearbeitung.

Ester Mottini

Bilder: Kirchenfenster in San Niculò Pontresina mit den Reformatoren Martin Luther, Huldrych Zwingli, Pietro Paolo Vergerio und der Bibelübersetzung von Giachem Bifrun aus der Chesa Planta in Samedan.