Kirche Celerina/Schlarigna, San Gian

Benützungsmöglichkeit und Reservation: Anfragen an das Sekretariat der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Oberengadin 081 836 22 23. Begräbniskirche. Im Sommer Gottesdienste, kirchliche Feiern, Konzerte, Vorträge, Veranstaltungen. Öffnungszeiten: Anfrage an Tourismus Engadin-St. Moritz.

Platzangebot: Sitzplätze im Schiff 175, im Chor 4 Stühle.

Erreichbarkeit, Parkplätze: Im östlichen Dorfteil von der Via Maistra abzweigen zur Via San Gian. Eine Treppe und ein Weg über den Friedhof (mit Hilfe rollstuhlgängig) führen zur Kirche. Parkplätze an der Via San Gian unterhalb der Kirche.

Kulturgüterschutz: Denkmalschutz von Bund und Kanton.

Führung: Anfrage an Tourismus Engadin-St. Moritz.

Würdigung: "Die Decke von San Gian gehört zu den spektakulärsten spätgotischen Holzdecken, die sich in Graubünden erhalten haben."

Baugeschichte: 1973/74 wurden innerhalb des heutigen nach Osten (genauer Nordosten) gerichteten Langhauses die Fundamente einer nach Süden orientierten kleineren Kirche ausgegraben. Diese Johannes dem Täufer geweihte Kirche und der kleine romanische Turm werden auf das 13./14. Jahrhundert datiert (erste Erwähnung 1320). Die heutige Gestalt der Kirche geht auf einen Umbau im Jahre 1478 zurück (Inschrift über dem Portal, Baumeister: Giugliemo aus Piuro), in die Zeit der Spätgotik, aber mit lombardischen, romanisierenden Elementen. Der kleine Turm wird an der Nordwestecke mit der Kirche verbunden und bleibt bestehen, als man zwischen 1515 und 1520 an der nördlichen Chorwand den grossen Glockenturm errichtet. Der spätgotische Spitzhelm dieses Turmes wird 1682 durch Blitzschlag zerstört und nicht wiederhergestellt. 1900 erfolgt eine Sicherung des Turmes und 1908/09 die Freilegung der übertünchten Wandbilder, allerdings mit unzulänglichen Hilfsmitteln und Methoden, wodurch ein grosser Teil der originalen Bildsubstanz verlorengeht. In den 1970er-Jahren findet eine Restaurierung der Fresken mit modernen Instrumenten und Verfahren statt. 2003 werden Instandstellungsarbeiten und dendrochronologische Untersuchungen durchgeführt.

Äusseres: Die Kirche San Gian, umgeben von einer Friedhofmauer, thront mit zwei in merkwürdigem Verhältnis stehenden Türmen "einsam auf einem Hügel in weiter Ebene" als Wahrzeichen der Region. Der kleine Turm weist mit unverputztem Bruchsteinmauerwerk, einfachen und gekuppelten Rundbögen und einem niederen, mit Platten gedeckten Pyramidendach eine für die Romanik typische Gestalt auf (Glocke 1632). Der grosse spätgotische Turm ist wie ursprünglich der kleine Turm nicht mit der Kirchenmauer verbunden und ist wie die einfach gestaltete Kirche mit einem gelblichen Rauhputz überzogen, wobei die Gerüstbalkenlöcher ausgespart blieben. An der Turmwand sind weisse Fugennachbildungen sichtbar. Die gekuppelten Schallöffnungen - und auch das rundbogige Eingangsportal (Tor 1909) - nehmen Bezug zum romanischen Turm auf. 

Inneres: Wir betreten einen Kirchensaal mit einer flachen Leistendecke und einem eingezogenen quadratischen Chor, der durch ein rippenloses Kreuzgratgewölbe bedeckt ist. Im Chor befinden sich zwei und im Schiff fünf Stichbogenfenster und in der Eingangswand ein kleines Radfenster. Der Bau weicht ab vom verbreiteten Typus der spätgotischen Kirchen. 

Die prachtvolle Decke über dem Langhaus setzt eine frühmittelalterliche Tradition fort. Die Lagerbalken entlang den Wänden gleichen gedrehten Kordeln. Auch die Unterzüge sind mit Spiralmustern geschmückt und tragen in der Mitte Wappenschilde des Bistums Chur bzw. des Gotteshausbundes und der Familie von Brandis. Im östlichen Teil des Schiffs sind die Abstände zwischen den Unterzügen kleiner. Die Leisten zwischen den Unterzügen weisen an ihren Schmalseiten Nasenbogen auf. Die Leisten, Fries- und Füllungsbretter sind mit bunter Schablonenmalerei überzogen, mit Mustern von Masswerken, Zirkelrosetten und Adlern.

Chorbogenwand und Chor sind mit Fresken ausgemalt, die teilweise Bildzyklen enthalten. "Wohl um 1480/90 entstanden, lassen sich die Fresken von San Gian in die Reihe jener lombardischer Wanderwerkstätten einreihen, die am Ausgang des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts in mehreren Kirchen des Oberengadins und der angrenzenden Talschaften tätig waren und dort dem Eindringen neuer Bildmotive und des innovativen Stils der Renaissance Vorschub leisteten." [SEIFERT]

CHORBOGENWAND

Oben links: Johannes der Täufer - Verkündigungsengel Gabriel.
Oben rechts: Maria - Johannes, der Evangelist.

Unten: ursprünglich Seitenaltarbilder, links: hl. Sebastian - hl. Barbara; rechts: hl. Rochus - Madonna mit Jesuskind.

An der Nordwand: Figur mit Buch (Bischof).
An der Südwand: Fragment eines Schriftbandes.

CHORBOGENLEIBUNG

Zwölf kleine Propheten

GEWÖLBEFELDER DES CHORS

Richtung Osten (Chorfenster Mitte): In der Mandorla der thronender Christus (Maiestas Domini); links: Johannes-Adler, Markus-Löwe; rechts: Matthäus-Engel, Lukas-Stier.

Richtung Süden: Kirchenvater Hieronymus, umgeben von Propheten (?); links: Element Feuer; rechts: Engel mit Posaune .

Richtung Westen (Schiff): zwei Kirchenväter; links: Element Luft (?); rechts: Element Wasser.

Richtung Norden: Kirchenvater, umgeben von Propheten (?); links: Engel mit Posaune; rechts: Element Erde.

SCHILDBOGENFELDER DER CHORWÄNDE

Links: Heimsuchung Marias (Maria besucht Elisabeth) - Geburt des Johannes - Johannes in der Wüste.

Mitte: Johannes tauft Christus im Jordan - Engel mit Schriftband - Predigt des Johannes (?).

Rechts: Gastmahl des Herodes - Gefangennahme des Johannes - Enthauptung und Präsentation des Hauptes.

ARKADENFELDER DER CHORWÄNDE

Links: Sakramentsnische (Aufbewahrung der Hostien) - der Auferstandene im Sarkophag (Umwandlung des Brotes in den Leib Christi, vgl. Sils Fex-Crasta) - Tür zum Turm.

In der Mitte stand der Hochaltar

Übrige Felder: die zwölf Apostel, in den Schriftbändern ursprünglich Credo-Folge.

Rechts: Fragment einer älteren Grisaille-Malerei: hl. Mauritius (kurz nach 1478).

SOCKELZONE DES CHORS

Imitierte Diamantbuckelquader (rekonstruiert).

Im Bereich des Chors: Kanzel (1790), einfacher Tauftisch, Truhenorgel (1982/2002 Felsberg).


Literatur: KCH, KGR, POESCHEL, BATZ, GAUDENZ, MAURER, WIKI, ARCH, BASS, BT, GANZONI, GUTSCHER, MATTI, MUGGLI, RATTI F, RUTISHAUSER, SEIFERT

Bibliographie