St. Moritz Kirchenbau und Tourismus

Tourismus: Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt sich in St. Moritz der Tourismus: 1832 ersetzt ein Trink- und Badehaus die primitive Hütte der Mauritiusquelle, 1853-57 entsteht das Alte Kurhaus, Pensionen im Dorf rüsten auf, 1856 wird das Kulm-Hotel gebaut, 1862-64 das riesige Neue Kurhaus, weitere Hotels folgen, 1872 das Beaurivage, das 1896 zum Palace erweitert wird. Bautätigkeit, Hotelbetriebe und eine internationale Gästeschar vergrössern die Zahl der Bewohner des Ortes, die Zahl der Fremdsprachigen und die Zahl der Katholiken.

Dorfkirche und Alt St. Mauritius: Seit 1787 besitzt die reformierte Kirchgemeinde die Kirche im Dorf. Für die Katholiken halten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Kapuziner aus Bivio mit einem tragbaren Altar Gottesdienste ab, in Privaträumen oder auf dem Platz vor dem Vorgängerbau des Kulm-Hotels. 1854 reparieren die Reformierten Dach und Fenster der baufälligen St. Mauritius-Kirche und gestatten den Katholiken, hier ihre Gottesdienste abzuhalten. Ab 1864, seit dem Besuch des Herzogs von Namur - Neffe des französischen Königs Louis Philippe -, werden auch im alten Billardsaal des Kurhauses Messen gelesen.

Neu St. Mauritius: Ein katholisches Comité beginnt Geld für eine eigene Kirche zu sammeln, 1858 spendet der König von Neapel einen namhaften Betrag, die Baronesse Lukretia Puchner von Salis sammelt bei Kaisern, Kaiserinnen, Königen, Königinnen, Grafen und Erzbischöfen. Die Reformierten versuchen einen Landkauf zu verhindern, die Katholiken erwerben aber das Haus Steffani und tauschen es gegen ein Landstück an der Strasse nach Celerina ein, das ihnen der Kulm-Hotelier Johannes Badrutt (1819-1889, Bild) zur Verfügung stellt. 1867 ist die neue katholische Kirche St. Mauritius gebaut.

Englische Kirche / St. John the Evangelist: Nach 1860 nimmt die Zahl englischer Feriengäste zu. Der englische Reverend Alfred B. Strettell (1817-1904) verbringt hier regelmässig seine Ferien und betreibt Werbung für St. Moritz. Sein Sohn weilt 1866 als erster Wintergast im Kulm. Strettell bemüht sich, dass ab 1863 Gottesdienste in englischer Sprache am Sonntagvormittag im Kurhaus, am Nachmittag in der Dorfkirche stattfinden, und denkt schon bald daran, eine englische Kirche zu bauen. Wiederum hilft Johannes Badrutt vom Kulm Hotel (auch im eigenen Interesse): Er schenkt der „Society for the Propagation of the Gospel in Foreign Parts“ eine Wiese an der Badstrasse. 1868 legt der Erzbischof von York den Grundstein. Ab 1870 wird nach Plänen des englischen Architekten Arthur Blomfield  und unter der Leitung des St. Moritzer Architekten und Baumeisters Nicolaus Hartmann sen. (1838-1903, Bild) die neuromanische Kirche gebaut und 1871 durch den Bischof von Dover geweiht. Der Turm folgt 1875. Wiederum beteiligen sich Kurgäste an der Finanzierung. Auf einem Glasfenster, das nach Strettells Tod von einem englischen Künstler angefertigt wird, trägt König David die Gesichtszüge Strettells (Bild). 1956 verkauft die „Society“ die Kirche zu einem symbolischen Preis (ca. Fr. 3100.-) an die Evangelische Kirchgemeinde. 1963-64 erfolgt eine Renovation unter dem Architekten Hermann Roth, wobei der Chorraum neu gestaltet wird. In der Kirche finden Gottesdienste statt, im Winter auch in englischer Sprache.

Französische Kirche / Église au Bois
Während die englischsprachigen Gäste seit 1871 über eine Kirche verfügen, halten die reformierten (calvinistischen) französischsprachigen Gäste ihre Gottesdienste mit Erlaubnis der Heilquellengesellschaft im alten Saal des Kurhauses ab. Während und nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) kommen vermehrt wohlhabende Gäste nach St. Moritz. 1872 gelangt die „Société évangélique de Genève“ an die Gemeinde mit dem Gesuch um Abtretung eines Grundstücks für den Bau einer Kirche. Die Bürgergemeinde offeriert zwei Parzellen zur Auswahl, wovon jene am „Quellenhügel“ gewählt wird. Wiederum treten (süddeutsche) Adlige als Förderer des Kirchenbaus auf: der Grossherzog Friedrich von Baden und Grossherzogin Luise von Baden/Preussen (Bild), Tochter von Kaiser Wilhelm I. Die Herzogin Wera von Württemberg und Grossfürstin von Russland stiftet drei Glasfenster (Bild. Sie übernimmt 1895 auch das Patronat eines Wohltätigkeitskonzerts zugunsten einer Renovation der Dorfkirche). Zudem werden Kollekten verwendet. Nikolaus Hartmann sen. (nach dem Bau der Hotels Hof, Victoria und Du Lac in klassizistischem Stil) plant und baut die neugotische Französische Kirche  1875-1877. 1962 schenkt die Société die Kirche der „Interessengemeinschaft Pro Église Française St. Moritz“ und diese tritt die Kirche 1979 an die Evangelische Kirchgemeinde St. Moritz ab. Nach einer Renovation 1980 wird die Kirche 1981 unter Denkmalschutz gestellt.

St. Karl: Die Katholiken haben den Wunsch, im Bad einen besseren Ort als einen Saal im Kurhaus für ihre Gottesdienste zu besitzen. Johann Baptist Navello aus Nizza wirkt ab 1873 als Saison-Seelsorger und Rektor der Missionsstation in St. Moritz Bad. 1882 schenkt ihm die Casino-Gesellschaft einen Bauplatz am linken Innufer für eine katholische Kirche. Der Platz wird eingetauscht gegen eine Parzelle am rechten Ufer. Dr. Navello setzt beträchtliche Eigenmittel und Geld aus Lotterien und Kollekten ein, so dass der Bau der neuromanischen Basilika St. Karl Borromäus durch Nicolaus Hartmann sen. realisiert werden kann: 1886-87  Chor und Schiff, 1894 der Turm. Nach dem Tod Navellos geht die Kirche über Vertreter der katholischen Fremdenkolonie an das bischöfliche Ordinariat von Chur über. Die Erben erhalten Fr. 10’000.-. Diese Summe wird gesammelt anlässlich eines Wohltätigkeitsfestes im Casino unter dem Patronat der Prinzessin Lätizia Napoleon, Herzogin von Aosta, bei dem der berühmte Tenor Enrico Caruso auftritt.


Literatur: KCH, KGR, BATZ, MAURER, WIKI, CAMINADA, CONRAD, DENK, EEA, HART, HARTMANN,  LUSSI, MARGADANT, RUCKI, SIMONET

Bibliographie